Matthias Schranner

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Stuttgart 21 - Warum die Verhandlungen scheitern mussten

Der Verhandlungsprozess um Stuttgart 21 war von Anfang an falsch definiert. Wer die Definitionen der einzelnen Schritte nicht kennt, sollte sie auch nicht benutzen.

Ein Verhandlungsprozess wird in folgende Schritte gegliedert:

  1. Kontakt aufbauen und halten: Bereits das Aufbauen eines Kontaktes ist ein wichtiges Element im Verhandlungsprozess. Sie sollten sich vor der Verhandlung überlegen, wer für das Ergebnis wichtig sein wird. Diese Personen sollten Sie frühzeitig kontaktieren und eine belastbare Beziehung aufbauen. Der Fokus liegt auf „belastbar“, ein Facebook Kontakt wird nicht reichen. Wenn Sie Kontakt halten, beispielsweise bei einem Abendessen, wird kein Ergebnis erwartet.
  2. Sondierung: Die Sondierung wird gerne mit „testing the water“ umschrieben. Man hält die Hand vorsichtig ins Wasser, um die Temperatur zu testen. Mögliche Verhandlungspunkte werden im Konjunktiv getestet: „Könnte es für Sie von Interesse sein...?“ Auch bei einer Sondierung wird kein Ergebnis erwartet.
  3. Gespräche: Nun werden die sondierten Punkte konkret angesprochen, es gibt aber noch keinen Konflikt. Man betont hier die großen gemeinsamen Interessen und spricht über die Möglichkeit einer Einigung. Konflikte werden bewusst nicht angesprochen, damit in dieser Phase Festlegungen vermieden werden können. Nach Gesprächen erwartet man erste Signale, aber noch keine konkrete Einigung.
  4. Verhandlung: Das Grundelement der Verhandlung ist der Konflikt. Hier werden Konflikte angesprochen, abgewogen, neue Vorschläge eingebracht, zusammengefasst, wieder neu gegliedert...es wird verhandelt. Nach einer Verhandlung erwartet man ein konkretes Ergebnis, es gibt nur zwei Möglichkeiten:  Alternative 1: „Wir haben uns geeinigt“ oder Alternative 2: „We agree to disagree“. Diese Formulierung ist deshalb so gut, weil auch die Nicht-Einigung eine Einigung ist. Die jeweilige Schmerzgrenze wurde nicht erreicht, deshalb ist die Nicht-Einigung besser als die Einigung.
  5. Schlichtung, Mediation, Gericht, Krieg: Wenn eine gegenseitige Abhängigkeit besteht, beginnen nun sog. „third parties“ den Konflikt zu lösen. Der Vorteil ist hier, dass eine unabhängige Instanz die Verhandlung bewertet und zwischen den beiden Parteien vermittelt. Der Nachteil ist natürlich, dass ab jetzt die Kontrolle komplett abgegeben wird und man sich dem Ergebnis fügen muss.

Stuttgart 21: die Schlichtung als falscher Schritt zur falschen Zeit

Die Schlichtung steht also am Ende des Verhandlungsprozesses, nach einer Nicht-Einigung. In Stuttgart wurde die Schlichtung an den Anfang gestellt, weil manche Nicht-Verhandlungsprofis eine schnelle Deeskalation erwünscht hatten. Nach der Stuttgarter „Schlichtung“ hat sich natürlich niemand an das Ergebnis gehalten. 

Zusammenfassung

Die Schlichtung hat ihren Platz am Ende des Verhandlungsprozesses, wenn alle Informationen geklärt sind, alle Optionen getestet sind und alle Beteiligten öffentlich erklärt haben, dass ein Ergebnis der Schlichtung bindend sein wird. Das eigentliche Problem in Stuttgart ist, dass die Schlichtung nur einmal möglich ist, man kann nicht noch einmal einen Schlichter befragen. Die Nicht-Profis in Stuttgart haben sich selbst ein wichtiges Element zerstört.